Yin und Yang

GRUNDBEGRIFFE DER CHINESISCHEN MEDIZIN

Die Theorien der chinesischen Medizin sind in ihren Grundzügen
bereits ca. 3 Jahrtausende alt. Sie haben ihren Ursprung in den
Naturbeobachtungen chinesischer Denker. Es ist daher verständlich,
dass sie vielfach sehr weit von denen der westlichen
Schulmedizin abweichen. Forschungen in neuerer Zeit ergaben
jedoch auch erstaunliche Parallelen im Verständnis der beiden
Systeme hinsichtlich der physiologischen und pathologischen
Geschehen im Körper. Es sind lediglich die Erklärungsmodelle
und die Begriffe, die weit voneinander abweichen.
Die Grundbegriffe, die hier vorgestellt werden, sind diejenigen,
welche für das Verständnis der chinesischen Medizin und der

Kriegskünste z.B. Kyusho unabdingbar sind.

Es sind dies Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen,
die Leitbahnen (Meridiane) Netzgefäße und Qi/Chi/Ki.


Yin und Yang


Yin und Yang ist ein Begriffspaar aus der chinesischen Philosophie,
welches zunächst dazu diente, die beiden Seiten eines Berghanges
zu beschreiben. Yang bedeutet im eigentlichen Sinn
lediglich »der Sonne ausgesetzt«, Yin bedeutet »der Sonne entgegengesetzt
«. Die Gesetzmäßigkeiten von Yin und Yang und
die Gesetzmäßigkeiten ihrer Beziehungen untereinander wurden
in vorchristlicher Zeit von chinesischen Philosophen durch intensive
Naturbeobachtungen entdeckt. Sie stellten in allen
Dingen der Erde zwei einander entgegen gesetzte Pole fest, die
jedoch eine untrennbare Einheit bilden insofern sie beide in
stetigem Abhängigkeitsverhältnis voneinander existieren. Die
grundlegenden Beziehungen der beiden Pole Yin und Yang sind:
Kein Pol existiert in seiner reinen Form, sondern jeder trägt
Teile des anderen in sich.
Kein Pol kann allein ohne den anderen existieren.

Beide Pole sind ständig in Bewegung, und jeder nimmt jeweils im proportionalen Verhältnis zum Gegenpol zu und ab.
Es ergab sich aus diesen Beobachtungen eine wertungsfreie Klassifizierung in die sich bewegenden, wachsenden, nach oben strebenden Dinge (Yang) und in die ruhigen, statischen, nach unten strebenden Dinge (Yin).

Yin und Yang sind niemals absolute feste Größen, sie ergeben sich stets durch die relative Betrachtung.


In der Hanzeit (206 v. Ch. – 220 n. Ch.) wurde die Yin- Yang- Theorie in den Bereich der Medizin übertragen und spielte fort-
an eine tragende Rolle im medizinischen Denken, in Anatomie, Physiologie, Pathologie und der Kriegskunst. Der menschliche Körper
teilt sich zunächst grob in seine festen Bestandteile (Muskeln, Knochen, Blut etc.) und die Funktionen, welche das Leben in
diesen festen Strukturen aufrecht erhalten.

Diee feste Körperhülle (ti) repräsentiert Yin, die Funktionen (yong) repräsentieren Yang.

Anatomisch gesehen ist der Rumpf im Vergleich zum Kopf Yin, mit den unteren Extremitäten verglichen, ist er
oben, d. h. er repräsentiert Yang. Die Innenorgane teilen sich von ihrer Funktion her in Yin- Organe (Lunge, Herz, Milz, Leber
und Niere) und Yang-Organe, welche aktiv am Verdauungsgeschehen teilhaben (Magen, Dickdarm, Dünndarm). Jedem Yin- Organ ist
ein komplementäres Yang- Organ zugeordnet.
Alles im menschlichen Körper bewegt sich um das Verhältnis
von Yin und Yang, um die Harmonie zwischen diesen beiden
Größen. Gesundheit und Krankheit definieren sich über
Harmonie und Disharmonie von Yin und Yang.

Yin und Yang
sind täglich gewissen Schwankungen unterworfen, die jedoch
durch den Selbstregulierungsmechanismus des Körpers ausgeglichen
werden können. Verschiebungen in die eine oder andere
Richtung über einen physiologischen Rahmen hinaus, die nicht
mehr ausgeglichen werden können, bedürfen der Regulierung
durch therapeutisches Eingreifen.


Die fünf Wandlungsphasen

Die Naturbeobachtungen der Philosophen aus vorchristlicher
Zeit ergaben, dass die Welt im Wesentlichen aus fünf Hauptelementen
besteht, aus Wasser, Holz (Bäume), Feuer, Erde und
Metall. Sie stellten fest, dass diese Elemente eigentlich Phasen
im steten Wandel der Zeiten und Gezeiten darstellen, dass sie in
einem Verhältnis der gegenseitigen Erzeugung und der gegenseitigen
Kontrolle zueinander stehen.
Der Kreislauf der gegenseitigen Erzeugung beginnt beim
Holz. Bäume (Holz) erhalten Nahrung durch das älteste Element
der Erde, Wasser, und beginnen im Frühjahr zu wachsen.
Trockenes Holz verbrennt bei glühender Sommerhitze, verbranntes
Holz wird zu Erde, die Erde birgt Erze (Metall), Metall
schmilzt in der Hitze der Erde und nimmt wasserähnliche
Eigenschaften an. Diesen Gedankengängen folgend wurden die
Jahreszeiten zugeordnet: Frühling (Holz), Sommer (Feuer),
Spätsommer (Erde), Herbst (Metall), Winter (Wasser).
Das System der gegenseitigen Kontrolle erklärt sich durch folgendes
Modell:
Wasser löscht Feuer, Feuer schmilzt Metall, Metall
schneidet Holz, Holz wächst auf Erde, Erde dämmt Wasser.

 

Leitbahnen und Netzgefäße


Der Körper ist durchzogen von einem Netzwerk energetischer Leitbahnen, welche sämtliche Organe und Gewebeteile des Körpers
miteinander verbinden. In ihnen zirkuliert das energetische Potenzial Chi, welches sämtliche Gewebeteile und Innenorgane
mit Energie versorgt. Das Leitbahnensystem besteht aus den zwölf Hauptleitbahnen, oft auch »Meridiane« genannt, (fing), den
Netzgefäßen (luo), den acht Extraleitbahnen (jijing bamai), den tendomuskulären Leitbahnen (jinjing) und den oberflächlich
verlaufenden Leitbahnen (bieluo und sunluo). Die zwölf Hauptleitbahnen stehen mit den Innenorganen in Verbindung, und sie
besitzen eigene Reizpunkte mit verschiedenen Wirkungen. Sie werden in Yin- und Yangleitbahnen unterteilt und in Hand und Fuß.
Die Einteilung in Hand und Fuß richtet sich nach ihrem Ausgangs- oder Endpunkt. Die Yinleitbahnen der Hand (Lunge, Herz,
Perikard) verlaufen vom Thorax- bereich zu den Fingerspitzen, die Yinleitbahnen des Fußes (Leber, Milz, Niere) verlaufen von
den Zehenspitzen zum Kopf. Die Yangleitbahnen der Hand (Dickdarm, Dreifachwärmer, Dünndarm) verlaufen umgekehrt von einer
Fingerspitze zum Kopf, die Yangleitbahnen des Fußes (Magen, Gallenblase und Blase) verlaufen vom Kopfbereich zu den Zehen. Die
Yinleitbahnen verlaufen an der medialen Seite der Extremitäten, die Yangleitbahnen an der lateralen Seite. Jede
Yinleitbahn steht mit ihrer komplementären Yangleitbahn durch bestimmte Netzgefäße in Verbindung. Es bilden diejenigen Yin-
und Yangleitbahnen Komplementärleitbahnen, deren zugehörige Innenorgane ein Komplementärpaar bilden

Es sind diese: Organe

Lunge >< Dickdarm
Milz >< Magen
Herz >< Dünndarm
Niere >< Blase
Perikard >< Dreifachwärmer
Leber >< Galle

Die acht Extraleitbahnen besitzen mit Ausnahme der Leitbahnen, die entlang der mediosternalen Linie (Konzeptionsgefäß) und
der vertebralen Linie verlaufen (Lenkergefäß) keine eigenen Punkte. Sie kontrollieren lediglich den Energielauf der Hauptleitbahnen.

Die Netzgefäße (luomai) stellen die Verbindungslinien zwischen den Yin- und ihren komplementären Yangleitbahnen dar.

Kyusho

Es gibt nun verschiedene Fehlfunktionen, die man durch die im Kyusho benutzten Druck (Meridian) Punkte in einem Kampf verursachen kann.
Die unterschiedlichen Fehlfunktionen sind so individuell wie es Menschen gibt.

Die beiden Hauptvarianten basieren auf dem Konzept des Yin und Yang.

Der Yin Angriff schwächt durch einen langsameren Prozess und lässt bestimmte Körperfunktionen ohne Energie und/oder Kraft zurück.
Ein Yang Angriff stimuliert den Körper mit einer schnellen bzw. explosiven Reaktion.
Keiner ist besser oder schlechter, sie sind nur verschieden und durch ein adäquates Studium dieser Konzepte wird man ein besseres Verständnis für den Umgang mit den Druckpunkten gewinnen.
Ein Typ von Fehlfunktion ist der Kontrollverlust durch Schwächen des Muskelapparates, der Körper bringt sich dadurch in eine fötusartige Stellung. Die Schwächung wird zu Beginn langsam sein und dann wird der Körper sich immer weiter entspannen und schließlich kollabieren.
Dies ist der so genannte Yang Angriffstyp, der die jeweilige Stelle ohne Kraft und Energie, also ohne Funktion zurücklässt.
Man schafft es, an einem bestimmten Punkt die Energie (Chi/ Ki) zu leeren. Schlagen wir auf einen bestimmten Punkt am Arm kann man auf einfache Weise diese Theorie nachvollziehen. Man greife das Handgelenk seines Partners und schlage mit der anderen Hand, um so den Energiefluss zu stören. Mit einer durchdringenden Berührung Richtung Hand beginnt der Körper schwächer zu werden. Durch das Nervensystem wird eine so genannte Reflexaktion des Streckers bewirkt, die entgegen gesetzte Seite wird zuerst schwach. Das gegenüberliegende Bein kollabiert und der Körper fällt in eine fötusartige Stellung. Dieser Typ Angriff wird den Gegner auf uns zufallen lassen, wodurch wird dann jede weitere (falls nötige)  Handlung einleiten können.

Dieses Wissen hat einen unschätzbaren Wert für die Selbstverteidigung, vor allem bei Angriffen von mehreren Gegnern. Zu wissen, wie der Gegner reagiert, gibt uns viel Selbstvertrauen und erlaubt es uns, fast überall anzugreifen wo wir wollen. Dies hängt natürlich auch von der eingesetzten Kraft ab und von den Punkten, die man angreift. Wer derart kämpft wird den Gegner wesentlich besser kontrollieren können als durch Block und Kontermethoden.

Der Schlüssel heißt, gleichzeitig Angriff und Verteidigung des Gegners zu schwächen und diesen von der ersten Sekunde (Kyusho) an zu kontrollieren.

Der Yin Angriff kann eine ähnliche Kontrolle verschaffen, wenn auch auf andere Weise. Der Yang Angriffstyp hat die Tendenz, den Körper zu überlasten und ihn zu öffnen oder schnell nach hinten zu beugen. Die Füße heben sich ebenso vom Boden ab, es folgt ein unkontrollierter Fall und unkontrolliertes Ausscheren der Bewegung. Um dies zu zeigen, kann man als Druckpunkt einen anderen Punkt am Arm nehmen. Wer diesen Punkt hart und penetrierend trifft, Schlagrichtung ist gegen den Ellbogen, wird sehen wie der Partner den rechten Arm senkt. der Unterschied liegt in der Körperreaktion und dem Fall. Wir ergreifen erneut das Handgelenk und schlagen diesen Punkt nach innen, zum Ellenbogen im Winkel von 45°. Wir werden sehen wie die Füße abheben und nach hinten gehen während der Körper nach vorn fällt, und zwar schneller als im vorigen Fall. Wer sich diesen Unterschieden bewusst ist, der wird ein besseres Gesamtverständnis für alle Angriffe Yin und Yang erlangen. Es ist gleich, ob der angegriffene Punkt am Arm liegt, am Bein, Kopf oder Rumpf.

Angriffe Yin beugen den Körper nach vorn und unten,
Angriffe Yang öffnen den Körper.

Man erhält das gleiche Resultat auf verschiedenen Wegen.

Nun können jede dieser Fehlfunktionen Attribute eines Angriffs Yang oder Yin
haben. Nehmen wir zur Verdeutlichung einen Druckpunkt, der der „Mentale Nerv“ genannt wird. Er befindet sich direkt an den
Mundwinkeln, über dem Kinn. Man drücke nach unten Richtung Kehle und es werden sich die Augen schließen, man bekommt eine getrübte Sicht, die Arme fallen herunter und man erfährt Schwindel. Dies lässt den Körper wanken, und wurde wenig Kraft eingesetzt (Yin), beugt er sich. Die Augen bleiben danach geöffnet können aber nicht scharf
stellen und der Körper erleidet fast einen völligen Funktionsverlust.

Schlagen wir fester, biegen sich die Arme nach oben und außen, der Körper hüpft und beugt sich nach hinten, fällt auf runde Weise zu Boden. Diese unkontrollierte Fall ist sehr
gefährlich und man muss sich versichern, dass der Kopf nicht zuerst am Boden aufschlägt. Die Augen werden sich kurz vor dem totalen Bewusstseinsverlust schließen. Man erinnert sich danach nicht mehr an den Fall, manchmal jedoch an den Schlag selbst, der als weißer Blitz wahrgenommen wird, kurz bevor das Sehen erlischt. Dadurch können wir den Gegner zu Boden bringen.

Man sieht: Den gleichen Punkt mit unterschiedlichem Krafteinsatz verwendet und somit verschiedene Effekte bewirkt. Es hängt allein davon ab, was wir benötigen, um die Person in einem öffentlichen Bereich zu kontrollieren oder sie beispielsweise auf deren Freunde zu stoßen.

Verwenden wir mehrere Druckpunkte manipulieren wir auch auf mehrfache Weise die Energie und erhalten unterschiedlichste Effekte. Doch hierbei gibt es einen wichtigen Punkt: der Körper kann seine Spannung beibehalten, nicht aber den Energiefluss.

Schlägt man zwei Punkte mit dergleichen Kraft, hat man nicht den gleichen Effekt wie wenn es ein unterschiedlicher Angriff (Yin oder Yang) wäre.