Gewalt unter Heranwachsenden

Vorbemerkung

Die gewalttätige Jugend gibt es nicht. Die Jugend heute ist von einer erstaunlichen Orientierungssicherheit wie kaum eine Jugend vor ihr (vgl. dazu auch die SHELL-Studien 2000 und 2002). Die Jugend heute verkörpert ausgeprägten Pragmatismus und sehr traditionelle Wertvorstellungen: Familie, Beruf, Erfolg. Von den mehr als 12 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschlands Schulen ist ein großer Teil schulisch, beruflich, kirchlich, ökologisch oder sozial engagiert; er lehnt Gewalt als Mittel zur Durchsetzung persönlicher oder politischer Ziele ab. Die Öffentlichkeit nimmt aber kaum Notiz davon, weil die Medien von der Sensation des Negativen geprägt sind, nicht von der Sensation des Positiven oder Normalen. Allein dadurch werden zweifelhafte Vorbilder vermittelt. Ebenso wenig gibt es die erziehungsabstinenten Eltern: Millionen von ihnen nehmen die Erziehungsverantwortung sehr ernst, aber das Erziehen wird ihnen immer schwerer gemacht.

Quantitative und qualitative Veränderungen

Seit Mitte der 80er Jahre hat sich in puncto Gewaltbereitschaft in quantitativer und in qualitativer Hinsicht etwas geändert. Es sind mehr Kinder und Jugendliche als früher, die in jüngerem Alter und häufiger zu gewalttätiger Durchsetzung neigen. Zugleich sind die Formen bzw. Anlässe der Gewalt anders geworden: Wo Gewalt unter Heranwachsenden vorkommt, ist sie brutaler und roher, die Hemmschwellen sanken, und die Anlässe für Gewalttätigkeit wurden nichtiger. Auch die Kriminalitätsstatistik spricht eine eindeutige Sprache: Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat sich die Zahl der heranwachsenden Tatverdächtigen von 1987 bis 2000 in der Altersgruppe der Kinder unter 14 Jahren fast verdreifacht, in der Altergruppe der Jugendlichen zwischen 14 und 18 mehr als verdoppelt. Insgesamt müssen heute knapp zehn Prozent der männlichen Jugendlichen und rund zwei Prozent der weiblichen Jugendlichen als gewalttätig gelten.

Wenngleich „Erfurt“ am 26. April 2002 mit insgesamt 17 Toten die bislang schlimmsten Massenmorde in Schulen der USA übertraf, so ist doch die Gewaltszene unter Jugendlichen in anderen Ländern der sog. ersten Welt zum Teil noch dramatischer ausgeprägt als die Gewaltszene in Deutschland. Vor allem in den USA und Japan sind erheblich mehr Gewalttaten in den Schulen zu beobachten.

Formen der Gewalt unter Heranwachsenden

Die Formen der kindlichen und jugendlichen Gewalt umfassen ein sehr großes Spektrum, das zwar empirisch kaum beziffert werden kann, in seinen Erscheinungsformen aber klar zu Tage tritt. Im Grunde kommen unter Kindern und Jugendlichen alle Formen von Gewalt vor, die es auch unter Erwachsenen gibt. Im Einzelnen sind folgende Entwicklungen zu beobachten:

* Der Umgangston unter Schülern ist rauer und gereizter geworden. Sog. Szenesprüche, deftigste Schimpfnamen von einer früher nicht üblichen Menschenverachtung oder Drohungen künden bereits unter Grundschülern von einer bedenklich gesunkenen Hemmschwelle.
* Zugenommen haben Vandalismus-Schäden. Das Beschädigen, Bemalen, Besprühen (Graffiti) oder Verschmutzen von Gebäuden und Einrichtungen scheinen ebenso an der Tagesordnung zu sein wie das Beschädigen von Eigentum von Alterskollegen (vor allem von Fahrrädern).
* Ein Teil der Kinder und Jugendlichen stattet sich mit Waffen aus. Durchaus üblich sind Messer, Butterflys, Wurfsterne, Schlagringe, Gaspistolen, Schlagketten und zweckentfremdete Baseball-Schläger, aber auch Defensivwaffen (Gassprays).
* In vielen Fällen kommt es zur Erpressung. In der Schule oder im Schulbus etwa werden Schutzgelder erpresst. Manche zwingen ihre Mitschüler unter Androhung von Gewalt zum „Spicken lassen“. In einzelnen Kreisen ist das Jackenziehen üblich, das heißt, Mitschülern werden teure Lederjacken oder auch teure Turnschuhe geraubt.
* Die Formen der körperlichen Gewalt haben eine große Vielfalt angenommen; sie reichen von einfacheren Raufereien bis zur bewussten Schädigung bzw. Verletzung des Opfers.

Hintergründe der gewachsenen Gewaltbereitschaft

Die Hintergründe, Ursachen und Nährböden der Gewaltbereitschaft Heranwachsender sind äußerst vielschichtig. Die Pädagogik und die veröffentliche Meinung nehmen von dieser Komplexität zumeist keine Notiz. Vielmehr neigen Politik und Öffentlichkeit dazu, Gewalt als monokausal erklärbares Phänomen zu betrachten. Das birgt die Gefahr, die tatsächlichen Gewalthintergründe zu übersehen, man kommt dadurch hinsichtlich Gewalttherapie und Gewaltprophylaxe aber zu ungeeigneten Patentrezepten.
Analysiert man die Persönlichkeit und die Biographie einzelner heranwachsender Gewalttäter, so stellt sich heraus, dass es sehr verschiedene Gewalt fördernde Momente gibt, die erst in ihrer je eigenen Verknüpfung als ursächlich für Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft gelten können. Der typisierte jugendliche Gewalttäter zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

* Mangel an Empathie,
* Sprachlosigkeit und Mangel an argumentativen Fertigkeiten,
* Angst wegen sozialer oder erlebter Minderwertigkeit,
* Langeweile, in der Folge ggf. Suche nach dem medialen Nervenkitzel,
* eigene Vergangenheit als Opfer von Gewalt, z.B. frühkindlicher Misshandlung,
* familiäre Entwurzelung,
* drop-out- Erfahrungen im Schul- und Ausbildungssystem,
* exzessiver Konsum von medialer Gewalt.

Aus der Kombination aus mehreren dieser Faktoren entsteht reale Gewalttätigkeit. Vor allem ein Mangel an Empathie (Einfühlungsvermögen, Mit-Leiden“) ist bezeichnend für die meisten Gewalttäter. Positiv ausgedrückt: Empathie ist die Wurzel ethischen Empfindens und Handelns; sie entsteht üblicherweise in einer positiven Beziehung Eltern – Kind. Empathie ist auch die entscheidende Hemmschwelle gegen Gewalt. Das heißt unter anderem: Medienprodukte, die die Opferperspektive zeigen und reflektieren, sind weniger gewaltfördernd.

Gewaltprophylaxe durch Stärkung der Erziehung in den Familien

Der Einfluss der institutionalisierten Erziehung in Kindergarten und Schule allein reicht an die vielfachen Ursachen von Gewalttätigkeit Heranwachsender meist nicht heran. Insofern ist es utopisch zu glauben, Schule könne in Sachen Gewaltprophylaxe maßgebliche oder gar allein wirksame gesellschaftliche Besserungsanstalt sein; dahinter verbirgt sich oftmals der Ruf nach einem alles regulierenden Staat. Tatsächlich aber sind bei der Aufgabe, Gewalt einzudämmen, alle gefordert: neben Kindergarten und Schule vor allem die Eltern, alle Erwachsenen, die Vorbilder in der Politik und die Medien.

Allerdings hat das Vorleben von Werten in weiten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gelitten. Sog. Prominente, vom Sport- und Show-Bereich bis in die große Politik, praktizieren oft ein mangelndes Unrechtsbewusstsein. Für Heranwachsende hat dies gravierende Folgen. Problematisch ist zudem die über Jahre hinweg praktizierte Verteufelung von schulischer Leistung, weil damit eines der wichtigsten persönlichen Erprobungsfelder und ein Feld der Erprobung von Verantwortung entfällt. Anders ausgedrückt: Wer etwas leistet (auch im Bereich Sport, Musik), der findet sich kaum unter Gewalttätern; er sublimiert seine aggressiven Energien.

Pädagogisch kontraproduktiv sind Liberalisierungen im Jugendschutz, die die elterliche Erziehung erschweren. Liberalisierte Discoregeln beispielsweise sind eine subversive Attacke auf alle Erzieher, die nicht gefällig sein, sondern verantwortungsvoll Orientierung geben wollen. Wenn bereits 14-Jährige jetzt bis 23 Uhr in die Disco dürften, dann kann das Erstkontakte junger Leute zu legalen und illegalen Drogen zusätzlich fördern. Gewiss bliebe das Erziehungsrecht bei den Eltern. Aber mit einem verwässerten Jugendschutz im Nacken wird es ihnen schwer fallen, ein Nein zu gewissen Ausgehgewohnheiten ihrer Kinder durchzusetzen.

Vonnöten ist ein gesamtgesellschaftliches Bekenntnis zur elterlichen Erziehung, denn Kinder haben ein Recht auf elterliche Erziehung. Eine Verstaatlichung der Kindheit bzw. der Erziehung ist der falsche Weg. Vonnöten ist ein Konsens in Fragen der Erziehungsziele und der Erziehungspraktiken. Erziehen heißt: wachsenlassen und befreien sowie zugleich führen und binden. Jede einseitige Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Gewaltfördernd sind alle extremen Erziehungshaltungen und Erziehungsstile: Der extrem autoritäre, mit Gewalt und Angstmachen operierende Erziehungsstil liefert ein Modell an Gewalt, und er fördert die Frustrationserlebnisse, die später in Aggression einmünden. Der extrem permissive Stil versäumt es, Grenzen aufzuzeigen; er versäumt es damit auch, aggressive Impulse zurückzuweisen. Der extrem überbehütende, mit overprotection und Übergratifikation arbeitende Erziehungsstil behindert die Entwicklung einer für das soziale Zusammenleben notwendigen Frustrationstoleranz und der Fähigkeit zum Triebaufschub.

Gewaltprävention durch Gewaltaskese in den Medien

Die heutige Medienszene ist in vielen Bereichen eine Szene der Gewalt. Dies gilt insbesondere für den Videomarkt und die Computerspiele. Auch in den sog. Musikkanälen werden je Kurzfilm im Durchschnitt sechs Gewaltakte gezählt. Der intensive Konsum dieser Mediengenres hat auf Dauer Folgen, vor allem wenn weitere belastende Faktoren in der Biographie hinzukommen. Die Tatsache, dass nicht immer ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Gewalttat und einem medialen Vorbild hergestellt werden kann, spricht nicht gegen die These, dass sich der intensive mediale Gewaltkonsum in reale Gewalt umsetzen kann.
Dass mediale Gewaltdarstellungen keine Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten Heranwachsender hätten bzw. dass durch den medialen Gewaltkonsum eine Reinigung“ der Gewaltimpulse erfolge (siehe Katharsistheorie) erfolge, ist ein Mythos. Die Katharsistheorie wurde längst widerlegt. Vielmehr verändert extensiver medialer Gewaltkonsum zumindest das Erleben und das Menschenbild der Kinder und Jugendlichen, er desensibilisiert gegen Gewalt und er gewöhnt an Gewalt (vgl. Theorie der Habitualisierung). Im Übrigen wirken gerade Bilder viel massiver als Texte; Bilder sind sehr resistent gegenüber Gegenbildern, für sie gibt es praktisch keine Negation. Einem Qualitätssprung im medialen Gewaltangebot kommt die Produktion von sog. Killerspielen gleich. Während Gewalt-Videos mehr oder weniger passiv rezipiert werden, greift der Konsument bei Killerspielen interaktiv ins Geschehen ein. Das heißt, hier fällt eine weitere Gewaltschwelle.

Grundsätzlich gilt: Wegen der Komplexität eines Gewaltgeschehens kann ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen medialer Gewalt und konkreter Gewalttätigkeit nicht immer hergestellt werden. Eine Wirkung bleibt dennoch, denn medial konsumierte Gewalt hat oft eine lange Latenz- bzw. Inkubationszeit; kommen noch weitere gewaltfördernde Momente hinzu, so ticken hier Zeitbomben“. Die Produkthaftung muss deshalb beim Medienproduzenten bleiben. In eine Analogie gebracht, heißt das: Lebensmittelsubstanzen, Pharmaka oder Düngemittel, die Spätschäden zumindest vermuten lassen, dürfen nicht auf den Markt; mit Medienprodukten wird großzügiger verfahren.

Das Verbieten medialer Gewalt-Produkte ist aus pädagogischer Sicht sinnvoll. Notwendig ist in jedem Fall auf allen Medienprodukten eine Alterskennzeichnung. Verbote und Alterskennzeichnungen verhindern zwar nicht, dass entsprechende, global verbreitete Medienprodukte vor nationalen Grenzen halt machen, aber solche Verbote und Kennzeichnungen prägen doch die Moralvorstellungen (vgl. dazu den Grundsatz der Generalprävention); sie sind damit ein hilfreiches Signal für die Erziehung und ein notwendiges Signal für die Produzenten.

Ein Problem scheint die Rechtsprechung zu sein. Einer straffen Anwendung des Jugendmedienschutzes steht – das ist offensichtlich der Preis der Freiheit – der GG-Artikel 5 entgegen (vgl. dazu das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Oktober 1992 zum Videofilm Tanz der Teufel“, demzufolge es nicht zulässig ist, den Begriff „Mensch“ dahin auszulegen, dass er auch menschenähnliche Wesen (hier: Teufel bzw. entstellte Besessene) umfasst. Hier stellt sich nachdrücklich die Frage, inwieweit vor allem aufgrund der rasanten Entwicklung auf dem Medienmarkt nicht die Würde des Menschen sowie pädagogische Überlegungen einerseits und andererseits die Grundrechte auf Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und informationelles Selbstbestimmungsrecht in ein neues Gleichgewicht gebracht werden können.

Die Herstellung und Verbreitung von medialen Gewalt-Genres hat vor allem kommerzielle Aspekte; diese Genres „rechnen sich“. Es ist deshalb wichtig, dass mit medialen Gewaltprodukten kein großes Geschäft mehr gemacht werden kann. Hier ist unter anderem die Werbewirtschaft zur Zurückhaltung bei der Platzierung von Werbung in Gewalt-Filmen aufzufordern.

Zur Produkthaftung gehört es, dass die Anbieter entsprechender Mediengenres mitwirken an der Herstellung von Software, die den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu jugendgefährdenden Produkten verhindern helfen (Filtersysteme, Verschlüsselungen usw.)

Aufgabe der Politik ist es, hinsichtlich Jugendmedienschutz die Erarbeitung internationaler Standards anzustoßen.

Mögliche schulische Hintergründe für Gewaltanfälligkeit

Verschiedentlich wurde und wird behauptet, die Struktur des Schulsystems entscheide darüber, ob Schule Gewalt fördere oder dämpfe, zum Beispiel dass ein „selektives“ und leistungsorientiertes Schulsystem Gewalt fördere, während ein integriertes, egalitäres Schulsystem Gewalt verhindere. Für diese Behauptung gibt es keinerlei Belege. Das heißt aber nicht, dass schulische Faktoren Gewalt nicht fördern oder dämpfen könnten. Vielmehr sind zumindest folgende Faktoren als gewaltfördernd bekannt.

a)
Schüler, die aufgrund einer ungünstigen Wahl der Schullaufbahn überfordert oder unterfordert sind, neigen leichter zu Gewalt als Schüler, die die für sie passende Schulbildung gefunden haben. Überforderte Schüler sind häufig frustriert, und aus Frustra
b)
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Größe einer Schule und Gewaltniveau in der Schule. Je größer die Schule, desto (überproportional) mehr Gewalt ist dort beobachtbar.
c)
Ebenso kann man davon ausgehen, dass ein Zusammenhang zwischen Gewaltniveau und Größe einer Klasse besteht. Empirische Belege dafür gibt es zwar nicht. Die praktische Erfahrung vieler Lehrer und die Erfahrungen der Verhaltensforschung (zunehmende Destruktivität bei Zunahme der Zahl der Lebewesen in einem begrenzten Raum) sprechen jedoch eindeutig für die Annahme einer solchen Korrelation.
d)
Empirisch belegt ist der sog. architektonische Determinismus. Dieser besagt, dass kahle, monotone, ungepflegte, unüberschaubare Bauten Aggressivität fördern.

Gewaltprophylaxe durch die Schule und Sicherheit in der Schule

Schulen haben vielerlei Möglichkeiten, gewaltvorbeugend tätig zu sein. Zu diesen Maßnahmen gehören vor allem:

* die durchgängige Behandlung des Themas Gewalt in möglichst allen Fächern und dabei die besondere Akzentuierung der Opfer-Perspektive;
* die Stärkung der Werteerziehung;
* die Förderung medienpädagogischer Projekte;
* die Motivierung der gewaltfreien Schüler zur Integration gewaltbereiter Schüler in die Klasse oder in eine Jugendgruppe;
* das Ausschöpfen der vorhandenen schulischen Ordnungsmaßnahmen, um zu vermeiden, dass gewalttätiges Verhalten von Schülern bei anderen Schülern als erfolgreiches Verhalten erscheint;
* die Entwicklung von Verhaltenscodices zusammen mit Schülern und Eltern;
* das Anleiten zur sinnvollen Gestaltung der Freizeit.

Gewaltprävention impliziert darüber hinaus, Kinder in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken; sie darin zu fördern, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken; ihnen zu vermitteln, dass sie das Recht haben, anderen Grenzen zu setzen und ggf. Hilfe zu holen. Kinder sollen lernen, aufeinander zu achten, sich gegenseitig zu warnen und sich beizustehen.

In Sachen Gewaltprophylaxe hat nicht nur ein erziehender Unterricht seine Aufgaben, sondern auch die fachmännische pädagogische-psychologische Schulberatung. Die entsprechenden Beratungsdienste sind freilich noch nicht flächendeckend genug ausgebaut. Von der ehemals von der Kultusministerkonferenz angestrebten Versorgungsrate der Schulen mit Schulpsychologen (ein Schulpsychologe pro 5.000 Schüler) sind die Bundesländer noch weit entfernt. Notwendig gerade angesichts veränderter familiärer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ist deshalb ein spürbarer Ausbau der schulischen Beratungsdienste.

Zur Sicherheit auf dem Schulweg tragen Gefährdungsanalysen bei. Ein anfängliches Begleiten des Kindes zum Einüben des Weges und dem Erlernen des Beobachtens ist sinnvoll. Dazu gehören außerdem Vereinbarungen mit dem Kind: zum Beispiel das Vereinbaren von Schulweggemeinschaften; die sofortige Rückmeldung des Kindes, wenn aus dieser Gemeinschaft in unerklärbarer Weise ein Kind fehlt; die Festlegung von Anlaufstellen im Falle von Auffälligkeiten. Seit den tragischen Fällen von Schülerinnen und Schülern, die auf dem Schulweg Opfer von Gewalt wurden, sind die Schulen gehalten, die Anwesenheit der Kinder noch konsequenter zu prüfen und einem unentschuldigten Fernbleiben sofort nachzugehen. Bezüglich Regulierung des Schulzugangs geht es um Maßnahmen, die potentiellen – getarnten – Tätern den Schulzugang erschweren soll. Wie dies am besten erfolgen kann, sollen die Schulen in eigener Verantwortung und unter Beachtung der örtlichen Gegebenheiten entscheiden dürfen.

Berufliche Bildung und Jugendarbeit als Gewaltprophylaxe

Maßnahmen der Gewaltprophylaxe müssen weit über das Familiäre und das Schulische hinaus reichen. Vor allem „Abbrecher“ im Schul- und Berufsbildungssystem neigen zu Gewalt. Somit ist es erforderlich, möglichst alle Heranwachsenden zu einem Schulabschluss und zu einem Berufsabschluss zu führen. Arbeitslose Jugendliche bzw. Jugendliche ohne Schul- und Berufsabschluss haben sonst zu leicht das Gefühl, dass diese Gesellschaft sie nicht haben wolle und es von daher zulässig sei, auf diese Gesellschaft draufzuschlagen“. Ferner sind viele jugendliche Gewalttäter „Sozial- und Straßenwaisen; sie brauchen ein sinnvolles Freizeitangebot. Deshalb ist Jugendarbeit nicht aus Spargründen einzuschränken, sondern auszubauen.

Ausblick

Das Erziehungsgeschehen ist hochkomplex und nur bedingt planbar; es entzieht sich in einem freiheitlichen Rechtsstaat einem totalen Zugriff. Deshalb sind Korrekturen bei den Erziehungshaltungen und im konkreten Erziehungsverhalten allenfalls sehr langfristig via Appelle umsetzbar. Vergleichsweise einfach sind demgegenüber Korrekturen im Medienbereich zu bewerkstelligen. Hier hat es der Rechtsstaat teilweise selbst in der Hand, Änderungen vorzunehmen.

Insgesamt braucht das Gemeinwesen wieder mehr eine Kultur des Hinhörens und ein soziales Frühwarnsystem. Dann kann die Entstehung von Gewalt in vielen Fällen früher erkannt werden.